Durchwachsene Aussichten 2023 für Beschäftigungsprojekte

Planungsunsicherheit, Förderkürzungen und Kostenexplosion gefährden die soziale Arbeit. Die derzeitige Situation der Sozialen Unternehmen im neuen Jahr gefährdet laut ihrem Verband arbeit plus nicht nur die Betreuung von langzeitarbeitslosen Personen, sondern auch die Erfüllung wichtiger Gemeinwohltätigkeiten, wie zum Beispiel das Betreiben von Schulkantinen in Vorarlberg. Neben Fördermittelkürzungen und einer anhaltenden arbeitsmarktpolitischen Planungsunsicherheit verschlechterten auch die derzeitige Teuerung, zunehmende psychosoziale Probleme der Menschen und stets noch restriktivere Förderrichtlinien teils die Handlungsfähigkeit der Sozialen Unternehmen. Zum Jahresauftakt 2023 rief arbeit plus Land und Bund auf, bereits besprochene Lösungsmaßnahmen rasch umzusetzen.

Der Verband arbeit plus veröffentlicht seine ersten Einschätzungen der Sozialen Unternehmen Vorarlberg für das Jahr 2023. Einige der Unternehmen, wie die Beschäftigungsprojekte von Aqua Mühle, Kaplan Bonetti oder Integra, sehen dem Jahr 2023 mit großen Sorgen entgegen: „Nicht nur die aktuellen Kostensteigerungen, die wir als nicht gewinnorientierte Betriebe am Markt kaum weitergeben können, machen uns zu schaffen. Obwohl es zu den Kernaufgaben der sozialökonomischen Betriebe gehört, im Auftrag des Arbeitsmarktservice (AMS) die Beschäftigung, Qualifizierung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Personen zu übernehmen, bekommen wir von der Arbeitsmarktpolitik mangels langfristiger Verträge seit Jahren keine Planungssicherheit – das ist ein ernstes Problem für den Weiterbestand vieler Einrichtungen“, erklärt Benedicte Hämmerle, Geschäftsführerin des Verbandes arbeit plus. „Wir begrüßen daher die Anfang der Woche getätigte Zusage des AMS durch Bernhard Bereuter, dass jeder langzeitbeschäftigungslosen Person ein Transitarbeitsplatz in einem sozialökonomischen Betrieb oder ein Beratungsangebot zur Unterstützung bei der Integration in den Arbeitsmarkt garantiert werde. Aufgrund der gekürzten Förderaufträge für das Kalenderjahr 2023, der Rücknahme einiger bestehender Aufstockungen für die sozialökonomischen Betriebe und der Kostenexplosion können 2023 müssen nämlich sonst voraussichtlich zirka ein Drittel der Beschäftigungsplätze für arbeitslose Menschen gestrichen werden. Auch die Arbeitsplätze für das betreuende Stammpersonal könnten entsprechend wegfallen“, fasst Florian Kresser, Geschäftsführer von Aqua Mühle und Obmann von arbeit plus.

Langfristige Finanzierungszusagen für Betreuungseinrichtungen

Die Zahl der vom AMS bei den Sozialen Unternehmen beauftragten Beschäftigungsplätze ist für Letztere kaum planbar. Sie schwankt laut arbeit plus von Jahr zu Jahr massiv, je nach AMS-Budgetlage. So kommen die Sozialen Unternehmen immer wieder in die Situation, dass sie bestehende Beschäftigungsplätze bzw. ganze -projekte und -einrichtungen, wie Secondhand Shops oder Schulkantinen, aus finanziellen Gründen streichen bzw. schließen müssen. „Und das, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt oft bereits wissen, dass der Betreuungsbedarf in naher Zukunft wieder steigen wird. Wir brauchen mehr Planungssicherheit, um die Qualität unserer sozialen Arbeit für von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Personen gewährleisten zu können. Aber auch um die Gemeinwohlangebote wie Kantinen für Schulen etc. sinnstiftend am Laufen zu halten“, ergänzt Benedicte Hämmerle. „Wenn die Nachfrage nach Betreuungsplätzen seitens des AMS wieder steigt, ist es für uns nur schwer möglich, binnen kürzester Zeit professionelle Beschäftigungsplätze samt Betreuungspersonal aufzubauen, vor allem da die aktuellen Förderbestimmungen vorsehen, dass die Sozialen Unternehmen 60-70 Prozent der Kosten selbst erwirtschaften. Die Unsicherheit, wie lange wir eine Einrichtung halten können, trägt auch nicht gerade zu unserem Image als Arbeitgeber bei“, unterstreicht Benedicte Hämmerle.

Rasch umsetzbare, hochwirksame Abhilfe

„Um den betroffenen Sozialen Unternehmen ein sinnvolles und effizientes Arbeiten zu ermöglichen, müssen wir deren bestehende Strukturen endlich langfristig sichern – nur das bringt die Planungssicherheit und Qualität“, betont Benedicte Hämmerle. In ihren Gesprächen mit Wirtschaftslandesrat Marco Tittler, Finanzminister Magnus Brunner und Arbeitsminister Martin Kocher ging es daher insbesondere um langfristige Finanzierungsmodelle für die Sozialen Unternehmen über AMS-Förderungen. Ein weiteres großes Anliegen vom Verband arbeit plus: „Da unsere Unternehmen soziale, ökologische und wirtschaftliche Wertschöpfung zum Vorteil aller schaffen, sollte uns die Politik auch entsprechend berücksichtigen und den Bestand unserer Einrichtungen langfristig sichern“, unterstreicht.

Hoher sozialer Mehrwert

In dieselbe Kerbe schlägt auch Florian Kresser: „Mit flexiblen, gemeinwohlorientierten Angeboten liefern wir dem Land, Fördergebern wie dem AMS bzw. der Gesellschaft einen hohen sozialen Mehrwert bzw. ökonomischen Nutzen. Wir arbeiten sozialunternehmerisch und finanzieren unsere Einrichtungen zu 60 bis 70 Prozent selbst. Es ist kontraproduktiv, wenn wir aufgrund von Auftragskürzungen und unternehmerisch einschränkenden Beschäftigungsrichtlinien Fachpersonal verlieren, wenn unsere Eigenständigkeit eingeschränkt wird, wir weniger sozialen Nutzen stiften können und zunehmend von Förderungen abhängig gemacht werden. Wir möchten sozialunternehmerisch mehr Verantwortung für eine positive soziale Entwicklung und für die Schaffung von Gemeinwohl im Land übernehmen.“

Zunahme psychosozialer Probleme von Menschen

Langzeitarbeitslosigkeit macht krank. Sie wirkt sich sehr oft negativ auf die Psyche des Menschen aus. Die Zuflucht oder das Abrutschen in eine Suchterkrankung geht damit, neben anderen gesundheitlichen Problemen, oft einher. „Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto geringer ist die Chance, wieder am regulären Arbeitsmarkt unterzukommen. Eine zeitlich befristete Erwerbsarbeit in einem Sozialen Unternehmen als Sprungbrett in den regulären Arbeitsmarkt ist dabei die beste Prävention und Therapie. Allerdings fordert uns heute mehr denn die Zunahme psychosozialer Probleme von Menschen. Deshalb müssen wir unsere soziale Begleitung individuell anpassen und sie auch über längere Zeiträume anbieten können“, erklärt Harald Panzenböck, Bereichsleiter der Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte.

Die Sozialen Unternehmen prüfen die Reduktion weiterer individueller Angebote bzw. Schließungen weiterer, gemeinnütziger Einrichtungen.

arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg

Die Mitgliedsbetriebe von arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg, Aqua Mühle, Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, Integra, carla – Caritas Vorarlberg und die Dornbirner Jugendwerkstätte, unterstützen seit vielen Jahren langzeitbeschäftigungslose Menschen dabei, wieder in bezahlten Arbeitsverhältnissen Fuß zu fassen. Ihre zentrale Aufgabe ist es, Menschen zu beschäftigen, zu qualifizieren und zu vermitteln, die zumindest vorübergehend am ersten (regulären) Arbeitsmarkt nicht eingesetzt werden können.

Diese Arbeit beugt Armut vor, sie gibt Benachteiligten Sicherheit und Gemeinschaft, fördert die Gesundheit und Integration der Beschäftigten ins gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben und leistet einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt des sozialen Friedens.

Zahlen, Daten, Fakten – arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg

Geschäftsführerin:     
Benedicte Hämmerle

Obmann:                     
Florian Kresser 

Mitgliedsbetriebe:       
Aqua Mühle, Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, Integra,
carla – Caritas Vorarlberg, Dornbirner Jugendwerkstätte

AMS-Förderung 23:     
geplant 7,1 Mio. (2022: 9,4 Mio.)

Landesförderung 23:    
2,9 Mio. 

Betreuungsangebot:    
diverse gemeinnützige Tätigkeiten in befristeten Dienstverhältnissen, Arbeitstrainings, Qualifizierungsangebote, Schulungen, persönliche Unterstützung durch SozialarbeiterInnen

Tätigkeitsfelder der Mitgliedsbetriebe

  • Catering/Großküche: Verpflegung/Bewirtung für Messen, Großveranstaltungen, Kindergärten, Schulen, Pflegeheime und verschiedene andere Betriebe
  • Betreiben von Geschäften wie Poststellen, Secondhand Shops etc.
  • Leistungen in der Kreislaufwirtschaft und für den Klimaschutz
  • Objektreinigung von Sozialzentren, Autowaschdienst, Raumpflegearbeiten
  • Mobiler Landschaftspflegedienst
  • Betreiben von Werkstätten, z. B. Schneiderei/Schutzmaskenproduktion
  • Fachgerechte Entsorgung von Daten, Datenträger sowie PCs und Laptops lt. der EU-Datenschutzverordnung (DSGVO)
  • Industrienahe Fertigung für große und kleinere Wirtschaftsbetriebe
  • Wäscheservice für Gastronomiekunden
  • Aufräumarbeiten und Reinigung nach Wohnungsauflösungen, Verwüstungen, usw.
  • Tischlereiprodukte wie aus Holz gefertigte Verpackungen, maßgetischlerte Trage- oder Regalkisten und einfache Mehrzweckkisten
Florian Kresser; Bildquelle: arbeit plus / Thomas Ender
Florian Kresser; Bildquelle: arbeit plus / Thomas Ender
Harald Panzenböck; Bildquelle: arbeit plus / Kaplan Bonetti
Harald Panzenböck; Bildquelle: arbeit plus / Kaplan Bonetti
Benedicte Hämmerle; Bildquelle: arbeit plus / sams-foto
Benedicte Hämmerle; Bildquelle: arbeit plus / sams-foto

arbeit plus fordert im Sinne der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Wertschöpfung die Absicherung der Beschäftigungseinrichtungen.